Schweiz / Österreich

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10. Juli 2026

Dieses Mal sollte unsere Reise etwas anders werden. Die ersten Tage wollten wir in der Schweiz verbringen, bevor wir in der zweiten Urlaubshälfte ein Hotel in Österreich gebucht hatten. Der Plan stand. Nur meine Stimmung irgendwie nicht. Während Martin sich riesig auf die nächste Tour mit unserer Luna freute, fühlte ich mich leer. Die letzten Wochen hatten ihre Spuren hinterlassen. Ich war erschöpft – nicht nur körperlich, sondern vor allem im Kopf. Diese Erschöpfung ließ kaum Platz für Vorfreude oder Reiseplanung. Eigentlich wollte ich nur zu Hause bleiben.

Auch eine kleine Entscheidung machte diesen Urlaub anders als sonst: Frieda blieb zu Hause. Zum ersten Mal fuhren wir ohne sie los. Eine vernünftige Entscheidung – und trotzdem fühlte es sich irgendwie ungewohnt an. Die Straßen waren wie immer voll und wir schoben uns von einer Autobahn zur nächsten. Trotzdem kamen wir erstaunlich gut voran. Und dann sagte ich, kurz nachdem wir losgefahren waren, völlig aus dem Nichts zu Martin:

„Ich habe das Gefühl, diese Reise steht unter keinem guten Stern.“

Ob es Intuition war, Zufall oder einfach nur ein ungutes Bauchgefühl – ich weiß es nicht. Kurz hinter der Schweizer Grenze legten wir einen kleinen Stopp ein. Wir wollten unsere mobilen Daten umstellen, denn extra für die Schweiz hatten wir uns beide eine eSIM besorgt. Kaum standen wir, wurde es plötzlich unangenehm warm im Auto. Die Klimaanlage verabschiedete sich, gleichzeitig leuchtete die Batteriekontrollleuchte auf. Na super. Martin musste nicht lange überlegen. Sein Urteil kam sofort:

„Der Keilriemen ist mit Sicherheit gerissen.“

In diesem Moment war bei mir endgültig die Luft raus. Die Lust auf den Urlaub war ohnehin schon kaum vorhanden – und jetzt auch noch das. Zum Glück blieb Martin erstaunlich ruhig. Er erklärte mir, dass unsere Aufbaubatterie mit der Fahrzeugbatterie verbunden ist und diese vorerst mit Strom versorgen kann. Rein technisch konnten wir also problemlos weiterfahren. Eigentlich Glück im Unglück. Eigentlich. Denn in meinem Kopf wollte sich diese Erkenntnis einfach nicht festsetzen. Statt Erleichterung machte sich nur noch mehr Anspannung breit.

Wir beschlossen trotzdem weiterzufahren. Rund 100 Kilometer lagen noch zwischen uns und unserem geplanten Campingplatz. Dort angekommen folgte die nächste Enttäuschung. Ausgebucht. Eigentlich waren noch keine Ferien, aber es war Wochenende und das Wetter zeigte sich von seiner schönsten Seite. Natürlich zog es alle nach draußen.

Also begann die Suche von vorn. Ich telefonierte mit einem Winzer in der Nähe – ebenfalls kein Platz. Langsam machte sich Frust breit. Wir brauchten nicht nur einen Stellplatz für die Nacht, sondern auch einen Ort, an dem der ADAC problemlos zu uns kommen konnte. Der Winzer hatte schließlich eine Idee und schickte uns zu einem Bauernhof ganz in der Nähe. Anmelden mussten wir uns nicht – einfach hinfahren. Und genau dort wartete der erste kleine Lichtblick dieser Reise.

Der Stellplatz war wunderschön. Nicht ganz günstig, aber das spielte in diesem Moment überhaupt keine Rolle. Der Bauer und seine Frau empfingen uns unglaublich herzlich. Als sie von unserem Problem hörten, boten sie uns sogar einen Platz direkt vor ihrem Haus an, damit der ADAC genügend Platz zum Arbeiten hätte.

Diese Herzlichkeit tat gut. Und trotzdem blieb ich innerlich angespannt. Martin versuchte immer wieder, mich zu beruhigen. Immer wieder sagte er, dass wir notfalls auch ohne Reparatur erst einmal weiterreisen könnten. Aber diesmal schaffte ich es einfach nicht, mich von meinen Sorgen zu lösen. Also rief Martin beim ADAC an.

Wir warteten. Und warteten. Zwei Stunden später kam schließlich die ernüchternde Nachricht:

Heute würde niemand mehr kommen.

11. Juli 2026

Die Nacht war überraschend ruhig. Trotz der ganzen Aufregung schliefen wir erstaunlich gut. Nach einem Kaffee und einem kleinen Frühstück stellten wir uns die Frage: Was machen wir jetzt? Da unser Van trotz des gerissenen Keilriemens noch fuhr, beschlossen wir, den Tag einfach zu genießen und das Beste aus der Situation zu machen.

Unser erstes Ziel war der Bürgenstock. Hoch über dem Vierwaldstättersee gelegen, bietet er einen der wohl beeindruckendsten Ausblicke der gesamten Region. Der Blick auf das tiefblaue Wasser, eingerahmt von den Bergen der Zentralschweiz, ist kaum in Worte zu fassen. Genau solche Momente erinnern einen daran, wie klein die eigenen Sorgen manchmal werden können.

Nach der Wanderung zog es uns bei über 30 Grad hinunter ans Wasser – nach Buochs, einem kleinen Ort direkt am Vierwaldstättersee. Der See selbst gehört zu den schönsten der Schweiz. Mit seinen fjordähnlichen Armen, dem türkisfarbenen Wasser und den steilen Berghängen wirkt er fast unwirklich. Doch bevor wir überhaupt an eine Abkühlung denken konnten, wartete die nächste Herausforderung.

Der Parkplatz war hoffnungslos überfüllt. Autos kreisten, Menschen diskutierten um frei werdende Plätze und überall herrschte Hektik. Mir wurde das alles einfach zu viel. Und genau in diesem Moment sprach uns eine Frau an.

Ob wir einen Parkplatz suchen würden? Wir könnten gerne bei ihr auf dem Stellplatz stehen. Ich weiß nicht, ob sie ahnte, was sie uns damit schenkte. Für mich war sie in diesem Moment ein Engel auf Erden. Ihr Name: Irene.

Aus einem Parkplatz wurde innerhalb weniger Minuten ein Stellplatz für die Nacht. Wir kamen ins Gespräch und erzählten von unserem gerissenen Keilriemen, den geschlossenen Werkstätten und der ungewissen Weiterreise. Sie hörte einfach zu. Allein diese Herzlichkeit tat unheimlich gut. Nach den letzten Stunden fiel eine riesige Last von meinen Schultern.

Anschließend sprangen wir endlich in den Vierwaldstättersee. Was für eine Wohltat! Das angenehm kühle Wasser war bei den Temperaturen genau das Richtige. Zum ersten Mal seit unserer Abreise machte sich in mir wieder so etwas wie Zufriedenheit breit. Mit neuer Energie beschlossen wir spontan, noch nach Luzern zu fahren.

Die historische Altstadt, die wunderschönen Uferpromenaden, die berühmte Kapellbrücke mit ihrem markanten Wasserturm und das lebendige Treiben am Wasser verleihen der Stadt einen ganz besonderen Charme. Wir setzten uns direkt ans Wasser, gönnten uns ein eiskaltes Getränk und beobachteten einfach das Leben um uns herum. Manchmal braucht es gar nicht mehr. Am Abend kehrten wir zu unserem Stellplatz zurück. Dort lernten wir auch Irenes Lebensgefährten Sepp kennen. Mindestens genauso herzlich, genauso offen und genauso hilfsbereit. Während Martin unser Kajak startklar machte, kamen wir drei ins Gespräch. Irene erzählte begeistert von ihren Wasserfahrrädern, die wir sogar hätten benutzen dürfen. Allein dieses Angebot zeigte wieder, wie großzügig die beiden waren.

Eigentlich wollten Irene und Sepp uns sogar auf dem Wasser begleiten. Da es zeitlich nicht mehr passte, machten sie uns stattdessen einen anderen Vorschlag: „Habt ihr morgen früh Lust, mit uns wandern zu gehen?“

Unsere Antwort kam sofort. Na klar! Was könnte schöner sein, als mit Einheimischen unterwegs zu sein und ihre Heimat mit ihren Augen kennenzulernen? Also war der Plan für den nächsten Morgen schnell gemacht. 8 Uhr. Wanderung mit Irene und Sepp. Doch zuerst wartete noch ein ganz besonderer Abend auf uns.

Mit unserem Kajak paddelten wir hinaus auf den Vierwaldstättersee. Ein kleiner Felsvorsprung trennte uns noch von der freien Sicht auf Luzern. Vor uns lag die Stadt, langsam in das warme Licht der untergehenden Sonne getaucht.

Wir ließen uns treiben, aßen unser Abendbrot auf dem Wasser und genossen einfach diesen Moment. Irene hatte nicht zu viel versprochen. Dieser Sonnenuntergang war einer dieser Augenblicke, die man nicht fotografieren muss, weil sie sich ohnehin für immer ins Herz einbrennen.

12. Juli 2026

Eigentlich stand der Plan schon fest. Um 8 Uhr wollten wir mit Irene und Sepp los, die Gondel nehmen und gemeinsam in den Bergen wandern. Die Gondelfahrt hätte rund 40 Schweizer Franken pro Person gekostet. Das wollte sie uns ersparen. Stattdessen schlug sie vor, mit ihrem Auto den Berg hinaufzufahren. Es gibt dort nämlich feste Zeitfenster, in denen die Straße nur bergauf beziehungsweise nur bergab befahren werden darf. Also wurde kurzerhand umgeplant. Schnell frühstücken, ins Auto steigen und los.

Für uns bedeutete das noch einen weiteren Vorteil: Unser Van musste nicht unnötig bewegt werden – mit dem gerissenen Keilriemen fühlte sich das einfach besser an.

Mit dabei war übrigens Sugus, Irenes Hündin. Draußen die liebste Seele überhaupt. Zu Hause, so erzählten uns die beiden lachend, könne sie aber auch ganz schön frech sein. Davon bekamen wir allerdings nichts mit. Für uns war sie einfach nur eine treue Wanderbegleiterin.

Oben angekommen begann unsere Wanderung. Natürlich brauchte ich zwischendurch immer wieder kleine Pausen. Aber niemals hatte ich das Gefühl, jemanden aufzuhalten. Im Gegenteil. Alles geschah ganz selbstverständlich.

Die Bergwelt rund um Melchsee-Frutt ist einfach beeindruckend. Schroffe Felsen, saftig grüne Almwiesen, glasklare Bergseen und immer wieder dieser unglaubliche Blick über die Gipfel der Zentralschweiz. Je höher wir kamen, desto kleiner schienen die Sorgen im Tal zu werden.

Wir kehrten auf einer Alm ein, stärkten uns mit etwas zu essen und genossen einfach den Moment. Uns wurde schlagartig klar, dass wir das nächste Zeitfenster für die Talfahrt erwischen mussten. Was dann folgte, war eine Wanderung im Turbomodus. Die beiden legten plötzlich ein Tempo vor, bei dem meine kleinen Stummelbeinchen kaum noch hinterherkamen. Anfangs musste ich noch lachen. Aber nach insgesamt fast zehn Kilometern war mir allerdings deutlich weniger nach Lachen zumute. Ich glaube, innerlich habe ich die beiden mehr als einmal verflucht. Zumindest ein kleines bisschen.

Als wir schließlich völlig außer Atem das Auto erreichten, konnten wir alle nur noch darüber lachen. Auf der Rückfahrt saß ich demonstrativ schmollend auf der Rückbank und warf den beiden immer wieder böse Blicke zu. Natürlich nicht ganz ernst gemeint. Dieser Tag war wunderschön.

Für den Abend hatten Irene und Sepp uns noch auf einen Aperol eingeladen. Wir hätten sogar bei ihnen duschen dürfen. Zwischenzeitlich stand sogar ihr Gästezimmer zur Diskussion.

Bevor wir uns mit ihnen treffen wollten, gingen Martin und ich aber noch einmal an den See. Einfach noch einmal durchatmen. Dort saßen wir anschließend eine ganze Weile zusammen und überlegten, wie es weitergehen sollte. Am nächsten Morgen war Montag. Endlich würden die Werkstätten wieder öffnen und wir konnten uns um den Keilriemen kümmern.

Dann vibrierte mein Handy. Eine Nachricht von meiner Mama. Meine Oma war gestorben. Von einem Augenblick auf den anderen war alles anders. Plötzlich wollten wir nur noch weiter. Nicht weil wir ein Ziel hatten. Sondern weil Stillstand in diesem Moment einfach nicht auszuhalten war.

Wir verabschiedeten uns schweren Herzens von Irene und Sepp. Den gemeinsamen Aperol verschoben wir mit dem Versprechen, ihn irgendwann nachzuholen. Dann fuhren wir los. Martin hatte bereits einen Campingplatz in Österreich organisiert. So endete unsere Zeit in der Schweiz viel früher als geplant.

Meine Gedanken waren überall. Nur nicht auf der Straße. Am Campingplatz angekommen saßen wir noch eine Weile schweigend vor unserem Van. Es gab in diesem Moment einfach nichts zu sagen. Irgendwann gingen wir ins Bett.

Und kurz bevor ich einschlief, war er wieder da. Dieser Gedanke, den ich schon am ersten Reisetag ausgesprochen hatte.

„Ich habe das Gefühl, diese Reise steht unter keinem guten Stern.“

13. Juli 2026

Für große Unternehmungen war heute weder viel Zeit noch besonders viel Motivation vorhanden. Während ich erst einmal duschen ging, machte Martin sich direkt auf die Suche nach einer Werkstatt. Und tatsächlich hatte er Erfolg. Für 15 Uhr bekamen wir einen Termin – unser Keilriemen sollte endlich ersetzt werden. Ein Problem weniger.

Blieb nur noch die Frage: Was machen wir bis dahin?

Eigentlich brauchten wir noch einen Stellplatz für eine weitere Nacht, denn unser Hotel war erst ab dem nächsten Tag gebucht. Kurzerhand schrieben wir dort einfach eine Nachricht und fragten, ob wir vielleicht schon einen Tag früher anreisen könnten. Mehr planen wollten wir gerade irgendwie nicht. Mit noch immer ziemlich schweren Gedanken im Gepäck drehten wir eine kleine Spazierrunde vom Campingplatz aus. Kein großes Ziel. Kein Programmpunkt. Einfach ein bisschen laufen.

Die Antwort vom Hotel ließ zum Glück nicht lange auf sich warten. Ja. Wir konnten früher kommen. Und plötzlich machte sich wieder ein kleines bisschen Erleichterung breit. Während Martin später zur Werkstatt musste, konnte ich ganz in Ruhe im Hotel bleiben. Das Hotel selbst war richtig süß. Man merkte sofort, dass hier erst vor nicht allzu langer Zeit renoviert worden war. Alles wirkte noch neu, frisch und fast ein bisschen unangetastet.

Und genau dort verbrachten wir den Großteil des Tages. Und das war vollkommen in Ordnung. Irgendwann machte Martin sich auf den Weg zur Werkstatt. Er war gefühlt eine halbe Ewigkeit verschwunden und kam leider ziemlich genervt zurück. Die Chefin der Werkstatt hatte ihm wohl ordentlich die Laune verdorben.

Aber…Wir hatten einen neuen Keilriemen! Und noch viel wichtiger bei diesen Temperaturen: Unsere Klimaanlage funktionierte wieder. Was für ein Luxus.

Vor dem Abendessen beschlossen wir dann doch noch, eine kleine Runde spazieren zu gehen. Währenddessen schmiedeten wir vorsichtig Pläne für den nächsten Tag. Die Anspannung der letzten Tage wurde weniger. Nicht komplett. Aber Stück für Stück. Und zum ersten Mal seit unserer Abreise konnte ich mich wieder ehrlich auf den nächsten Tag freuen.

14. Juli 2026

Wir starteten den Tag mit einem ausgiebigen Frühstück. Und ich muss sagen: Das ist für mich persönlich ja mit das Schönste an einer Übernachtung im Hotel. Einfach hinsetzen und sich durch ein Frühstücksbuffet futtern, ohne vorher irgendetwas vorbereiten zu müssen. Danach schlüpften wir in unsere Wanderklamotten und fuhren ein kurzes Stück mit dem Auto zum Ausgangspunkt unserer heutigen Tour.

Und dort wartete direkt meine erste persönliche Herausforderung. Ein Sessellift. Für mich der absolute Horror. Die Fahrt nach oben ging tatsächlich noch einigermaßen. Oben angekommen war ich allerdings sehr froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Vor uns lagen rund zehn Kilometer Wanderung – und irgendwo am Himmel zog eine kleine Schlechtwetterfront auf. Aber die ignorierten wir einfach. Wird schon.

Der anstrengendste Teil der Wanderung wartete direkt zu Beginn auf uns. Es ging ordentlich bergauf. Zum Glück wuchsen am Wegesrand überall Blaubeeren und so stopften wir uns während des Aufstiegs immer wieder die Bäuche voll. Man muss schließlich Prioritäten setzen.

Oben am Gantakopf angekommen, wussten wir gar nicht, wohin wir zuerst schauen sollten. Diese Aussicht. Die Berge. Die Weite. Wir konnten uns einfach nicht sattsehen. Früher hatten wir immer gesagt:

„Im Sommer in die Berge? Bei der Hitze auch noch wandern? Niemals.“

Nun standen wir hier. Im Sommer. In den Bergen. Und widerriefen offiziell unsere Aussage. Die Temperaturen waren unglaublich angenehm. Es war etwas kühler als unten im Tal und der Wind hier oben fühlte sich einfach herrlich an.

Kurz vor dem Abstieg legten wir noch eine Pause auf einer Bergalm ein. Auf Empfehlung bestellten wir uns eine Buttermilch aus eigener Herstellung. Und ja…Sie war wirklich richtig lecker. Wobei wir uns ziemlich sicher sind, dass uns hier oben wahrscheinlich alles geschmeckt hätte. Frische Bergluft, die Sonne im Gesicht und dieses Panorama vor Augen – da schmeckt selbst ein trockenes Brot vermutlich wie ein Fünf-Gänge-Menü.

Und dann entdeckten wir sogar noch ein Murmeltier. In der Schweiz hatten wir zwar auch schon welche gesehen, aber die waren so weit entfernt gewesen, dass man eigentlich eher erahnen musste, dass dort irgendwo ein Murmeltier saß. Dieses Mal konnten wir es richtig gut erkennen. So süß!

Der Rückweg war im Vergleich zum Aufstieg die reinste Erholung. Natürlich meldeten sich irgendwann die Beine, aber auch beim Abstieg wurden wir mit wunderschönen Ausblicken belohnt. Es war einfach traumhaft. Nur eine Sache stand natürlich noch zwischen mir und meiner vollkommenen inneren Ruhe. Der Sessellift zurück ins Tal. Aber irgendwann hatte ich wieder festen Boden unter den Füßen. Und während wir am Abend die Eindrücke des Tages Revue passieren ließ, bemerkte ich, dass etwas in mir ruhiger geworden war. Langsam. Aber es wurde ruhiger.

15. Juli 2026

Unser letzter Tag brach an. Am Abend zuvor hatte Martin noch eine Wanderung für uns herausgesucht. Heute sollte es zum Lünersee gehen. Obwohl wir Urlaub hatten, funktionierte das mit dem Ausschlafen irgendwie überhaupt nicht. An diesem Morgen wurden wir von einem richtig lauten Knall aus dem Schlaf gerissen. Ah. Da war also das angekündigte Gewitter. Der Blick nach draußen versprach wettertechnisch einen eher durchwachsenen Tag. Aber gut. Wir wollten wandern und so schnell ließen wir uns inzwischen offenbar nicht mehr von unseren Plänen abbringen.

Martin packte vorsichtshalber unser Tarp ein. Unseren einzigen Regenschutz. Regenjacken? Wozu sollte man so etwas auch mit in die Berge nehmen? Notiz an uns selbst: Zu Hause werden vernünftige Regenjacken gekauft.

Bis zum Lünersee hatten wir zunächst noch rund 50 Minuten Fahrt vor uns. An der Talstation angekommen, überlegten wir kurz, ob wir den Weg zur Bergstation hinauflaufen sollten. Aber irgendwie hatten wir keine Lust. Und das Stück des Wanderweges, das wir sehen konnten, machte die Entscheidung auch nicht unbedingt schwieriger. Der Blick führte überwiegend hinunter auf den Parkplatz. Nicht ganz das Bergpanorama, das wir uns vorgestellt hatten. Vielleicht laufen wir den Weg später einfach hinunter, dachten wir. Also kauften wir nur eine einfache Fahrt nach oben.

An der Bergstation angekommen, war mein erster Gedanke allerdings: Hm. Groß ist er ja, der Lünersee. Aber schön? Ich war zunächst tatsächlich ein bisschen ernüchtert. Doch wie so oft lohnt es sich, nicht beim ersten Eindruck stehen zu bleiben. Von der Bergstation aus starten unzählige Wanderwege in alle möglichen Richtungen. Auch wir warfen unseren ursprünglichen Plan, einfach nur um den See zu laufen, kurzerhand über den Haufen und entschieden uns für eine andere Route. Und wir sollten es nicht bereuen. Die Wanderung war vielleicht nicht ganz so spektakulär wie unsere Touren der vergangenen Tage. Aber sie war auf ihre ganz eigene Art wunderschön.

Wir stiegen immer höher hinauf und irgendwann fiel uns auf, dass wir heute eine kleine persönliche Marke geknackt hatten. Auf unseren bisherigen Wanderungen bewegten wir uns immer knapp unter der 2.000-Meter-Grenze. Heute standen wir auf 2.155 Metern Höhe. Und genau dort erwartete uns etwas, womit wir überhaupt nicht gerechnet hatten. Ein Meer aus Blumen. Unzählige verschiedene Arten, Farben und Formen säumten den Wanderweg. Zwischen Felsen und Gräsern blühten alpine Pflanzen, die sich von den rauen Bedingungen dort oben überhaupt nicht beeindrucken ließen. Wir blieben immer wieder stehen, schauten, fotografierten und staunten. Irgendwie hatten wir nicht erwartet, dass auf über 2.000 Metern noch so viel Leben zu finden ist. Gerade dieser Kontrast – die schroffen Berge auf der einen Seite und diese unglaubliche Blütenvielfalt auf der anderen – machte diese Wanderung für uns zu etwas ganz Besonderem.

Und dann kam er. Der versprochene Regen. Keine kleinen, zaghaften Tröpfchen. Nein. Richtig dicke Regentropfen. Und so standen wir plötzlich mitten auf einer Weide, umgeben von Kühen, und versteckten uns unter unserem Tarp. Was für ein Bild. Aber wisst ihr was? Es funktionierte. Wir blieben tatsächlich trocken. Na ja. Sagen wir: maximal feucht.

Auch auf dieser Wanderung kamen wir an einer Alm vorbei. Vor uns eine lange Liste mit allerlei Leckereien. Und wir? Hatten kein Bargeld dabei. Deshalb an dieser Stelle ein kleiner Reisetipp von uns: Wenn ihr nach Österreich reist – habt Bargeld in der Tasche! Immer. Zum Glück hatten wir unseren eigenen Proviant dabei und mussten somit nicht verhungern.

Nach unserer Wanderung machten wir noch einen Abstecher nach Feldkirch. Ich hatte vorher ChatGPT gefragt, ob es in unserer Nähe ein kleines, süßes Städtchen gibt, in dem man gemütlich und ohne allzu großen Touristenrummel ein bisschen schlendern kann. Die Antwort lautete: Feldkirch. Und ja… Die Altstadt ist wirklich hübsch. Beim Rest der Stadt waren wir uns allerdings eher einig, dass wir dort nicht unbedingt länger bleiben mussten. Aber ein Eis ging natürlich trotzdem. Und ein paar neue Stempel für mein inzwischen stetig wachsendes Bastel-Sammelsurium wanderten ebenfalls mit nach Hause.

Um ca. 17 Uhr waren wir wieder im Hotel. Martin ging noch einmal in die Sauna. Ich begann langsam, unsere Sachen zusammenzupacken. Und während ich unsere Taschen füllte, waren meine Gedanken ganz woanders. Bei meinen Eltern. Bei meiner Schwester. Sie waren an diesem Tag auf dem Weg nach Polen. Am nächsten Morgen sollte meine Oma beerdigt werden. Und plötzlich fühlte sich die Entfernung wieder sehr groß an. Dieser Urlaub war nicht so verlaufen, wie man sich einen Urlaub normalerweise wünscht. Er war anstrengend. Emotional. Chaotisch. Und manchmal einfach traurig. Aber er war nicht durchweg schlecht. Ganz im Gegenteil. Wir haben Menschen kennengelernt, deren Herzlichkeit wir vermutlich nie vergessen werden. Wir haben Hilfe erfahren, ohne darum bitten zu müssen. Wir haben Berge gesehen, auf denen die Welt für einen kurzen Moment etwas leichter wirkte. Wir haben auf Seen gesessen, Sonnenuntergänge beobachtet und unter einem Tarp zwischen Kühen Schutz vor dem Regen gesucht. Wir haben die 2.000-Meter-Marke geknackt und waren überwältigt von einem Blumenmeer, das wir dort oben niemals erwartet hätten.

Morgen fahren wir nach Hause. Einen Tag früher als ursprünglich geplant. Und wir freuen uns darauf. Auf unsere Kinder. Auf Frieda. Auf unser Zuhause. Und während wir nach Hause fahren, werden unsere Gedanken bei unserer Familie in Polen sein. Vielleicht stand diese Reise tatsächlich unter keinem guten Stern. Aber zwischen all den schweren Momenten gab es immer wieder kleine Lichter. Und manche davon hatten sogar Namen.

Irene und Sepp.

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